Wer den Besucher mit Gewinn gelesen hat, dem wird auch Des Fremden Kind von Alan Hollinghurst gefallen. Doch: Vorsicht!  Während Sarah Waters ihren Gesellschaftsroman mit den Zutaten der klassischen Gruselgeschichte raffiniert würzt, konfrontiert Hollinghurst den Leser mit 70 Jahren angelsächsischer Geistesgeschichte des zwangzigsten Jahrunderts.

Am Anfang steht Cecil Valance, eine rundum zweifelhafte Dichterexistenz, der der Schwester seines heimlich handfesten Geliebten ein hymnisches Gedicht in das im Grunde pubertäre Poesiealbum schreibt. Cecil fällt im ersten Weltkrieg, die Schwester des Geliebten heiratet den Bruder des Gefallenen, der wiederum, im Schatten des durch den frühen Tod Verklärten, dahinsäuft, obwohl er wahrscheinlich der bessere Poet ist. Gott sei Dank sind diese Leute vermögend und können sich ihre Eskapaden über die Jahrzehnte hinweg leisten. Anlässlich des siebzigsten Geburtstages der ehemaligen Lady Valance, jener Dame in deren Poesiealbum Cecil dermalereinst die obgenannte Hymne kritzelte und die nach Scheidung und Wiederverheiratung zwar des Titels verlustig ging aber dennoch eine Grande Dame der Kultur blieb, gerät die illustre Gesellschaft  aneinander.

Was hier so flapsig klingt, kommt im Roman ganz anders herüber. Der Leser wird mit geschliffenster Prosa bombardiert. Blindgänger sind nicht dabei – sehr wohl allerdings Spätzünder. Des Fremden Kind ist kein Buch für „Zwischendurch“ und keine Eintagsfliege. Chapeau!

Die Autorin dieser Zeilen bedauert die Abwesenheit von Tötungsdelikten.

Alan Hollinghurst: Des Fremden Kind

2012, Blessing

ISBN: 978-3-89667-468-5

24,95 €

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