Kampf der Welten und der lachende Dritte

Ende der 90er Jahre befindet sich die Zeitungswelt, wie wir sie kannten, im Umbruch. Printmedien werden durch die immer weiter steigende Verbreitung des World Wide Web bedroht, die Arbeitsplätze der Journalisten sind nicht mehr sicher. In dieser heiklen Zeit treffen zwei Journalistinnen aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Honor Tait, 80 Jahre alt und eine Ikone des Journalismus und Reporterin der alten Schule, bereitet eine Gesamtausgabe ihrer gesammelten Werke vor. Publicity für dieses Buch hat sie dringend nötig, da sie finanziell abgerannt ist. Tamara Sim ist 27 Jahre jung und hat sich ihre Sporen mit Klatsch und Tratsch, mit reißerischen Berichten über B-Prominente verdient. Nun bekommt sie das Angebot, für eine renommierte Zeitschrift einen Bericht über Honor Tait zu schreiben und ihrer Karriere einen gehörigen Schubs nach oben zu versetzen.

Es kann, der Leser weiß es von Anfang an, nicht gut enden mit den beiden Frauen, die auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinen. Tait, eine Tochter aus wohlhabendem Hause, hat sich in einer Männerdomäne durchgeboxt und doch nichts als lässige Verachtung für Feministinnen übrig. Sie ist gebildet, ihre kritischen Reportagen brachten sie mit der Polit-Prominenz mehrerer Jahrzehnte in Kontakt; sie, die „Dietrich des Nachrichtengeschäfts“, war ebenso in Hollywood zuhause wie in den Schützengräben der Kriegsschauplätze. Liebhaber und Ehemänner gaben sich, will man den Zeitungsberichten über ihr Leben trauen, förmlich die Klinke in die Hand. Heute, so munkelt man, stille sie ihre unersättliche Sinnlichkeit mit bezahlten Gigolos, die bestenfalls die Hälfte ihrer Lebensjahre zählen.

Sim dagegen ist unbekümmert ungebildet, macht sich nicht einmal die Mühe, sich über Leben und Werk der Frau, die sie interviewen wird, zu informieren. Sie ist noch stolz darauf, im Seminar für Journalismus durchgekommen zu sein, ohne den vorgegebenen Text von Tait jemals zu Ende gelesen zu haben. Ihre Berufsmoral ist bestenfalls lax und sie macht, so sieht sie es, das Beste aus ihrem unterbezahlten Job.

Beide Frauen, Sim und Tait, haben in mir zu keinem Moment einen Funken Sympathie geweckt, ebenso wenig wie irgendeine andere Figur des Romans. Alle hetzen entweder der neuesten Schlagzeile, Macht, Ruhm oder Geld hinterher und kümmern sich wenig um richtiges oder falsches Handeln. Ich habe das Buch trotzdem in einem Rutsch durchgelesen, vor allem aus zwei Gründen.

Die Geschichte ist einfach richtig, richtig spannend, und sie ist gut geschrieben. Vom Kammerspiel und dem duellartigen Aufeinanderprallen zweier gegensätzlicher Typen wird sie schnell zur Geschichte von düsteren Geheimnissen und skrupellosen Egoisten. Zwar weiß der Leser ziemlich schnell, welches Geheimnis Tait hat und in welche böse Falle Sim laufen wird, dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch. Im Laufe des Romans wird offensichtlich, dass Tait und Sim sich sehr ähnlich sind in der Wahl ihrer Mittel, nur die Vorzeichen sprich die Modernität ihrer Mittel unterscheidet sich. Beide gehen bzw. gingen über Leichen, um ihre Karriere zu fördern. Zum Zeitpunkt, als Sim glaubt über die ewig gestrige Honor Tait zu triumphieren, gehört sie jedoch, ohne es zu ahnen, mit ihrer Verachtung für die neuen Technologien bereits selbst zum alten Eisen. Ihre pfiffige junge Kollegin, die sich in diesem komischen Internet auskennt, hat sie längst überholt.

Abwechseln werden die Ereignisse aus dem Blickwinkel beider Charaktere geschildert, was die Geschichte vorantreibt und für eine gute Portion Witz sorgt. Dennoch bleibt der Grundton düster, ja pessimistisch. Die Sicht von Annalena McAfee auf die Menschheit ist nach drei Jahrzehnten im Beruf ihrer Protagonistinnen ganz klar desillusioniert. Dennoch, und das muss man der Autorin anrechnen, erreicht den Leser hin und wieder ein Anflug von Mitgefühl für beide Frauen, die in ihren nahezu identischen Rollen gefangen sind und sich daraus nicht einmal befreien wollen.

Wer einen Enthüllungsroman einer altgedienten Journalistin mit kompromittiereden Anspielungen erwartet, wird meiner Meinung nach enttäuscht – die Nebenfiguren mögen zwar angelehnt sein an reale Stars und Sternchen oder Chefredakteuere, um wirklich zu schockieren erhalten sie aber zu wenig Raum, sind zu sehr Abziehbilder. Zeilenkrieg ist vielmehr eine böse Tragikomödie der Sitten mit zwei starken Hauptfiguren, eine angenehm geschriebenes Buch für ein Wochenende, an dem man ein unterhaltsames, aber nicht seichtes Buch lesen möchte.

Annalena McAfee: Zeilenkrieg

2012, Diogenes

ISBN: 978-3-257-06842-9

22,90- €

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