Shades of Grey – Geheimes Verlangen oder 11.000 Ruten für Ahnungslose

Anastasia Steele (21), Literaturstudentin und Jungfrau im 21 Jahrhundert lernt den attraktiven Multimillionär Christian Grey (27) anlässlich eines Interviews für ihre Unizeitung kennen und verfällt umgehend seinem despotischem Charme.

Im Westen nichts Neues? Leider doch. Es geht noch spießiger als befürchtet.

Jean – Jacques Rousseau (1712 – 1778) gesteht  in seinen „Bekenntnissen“, dass er die Züchtigung seiner Erzieherin nur bedingt als unangenehm empfand und lediglich Feigheit ihn daran hinderte den späteren Geliebten zu gegebenem Zeitpunkt, ein paar Hiebe würzend abzuverlangen.

Der Verweis auf die Herren de Sade (1740 – 1814) und  von Sacher-Masoch (1836 – 1895) erfolgt hier nur der Vollständigkeit halber. Ich bitte Sie allerdings höflich, ein Augenmerk auf die Geburtsdaten der vorgestellten Kandidaten zu werfen.

Manchmal haben Frauen ein bisschen Haue gern, auch wenn das Dinge sind, die mich überhaupt nicht interessieren. Vielen Dank den Ärzten!

Im Sommer des Jahres 2012, exakt 300 Jahre nach der Geburt des bekennenden Monsieur Rousseau, ist der Roman „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“  von E.L. James auch in deutschen Supermärkten erhältlich.  In der posterotischen Bückware wird die, nach der sexuellen Revolution in den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts komplett antiquierte, Geschichte des Mauerblümchens erzählt, das eigentlich ein heißer Ofen ist, wenn der Prinz kommt.

Und wenn er weggeblieben ist? Dann legt man auch den zweiten Teil von „Shades of Grey – Gefährliche Liebe“ in seinen Einkaufswagen und verhilft dem inneren Suppenhuhn so  zu einem gefühlsechten Siedepunkt.

Soeben habe ich erfahren, dass sich die Leser (?) und Leserinnen auf ein weiteres Machwerk aus der Reihe Blümchen – Sex nach Courths-Mahler freuen dürfen. Die Autorin trägt den klangvollen Namen Vina Jackson. Die Protagonistin ist U-Bahnmusikerin.

Was kommt als nächstes? Manische Balletteusen?  Schizoide Dramatikerinnen? Irrende Emanzen?

Wurscht! Wer immer es auch sein mag, der Erkenntnisgewinn der insgesamt aufgeführten Damenriege könnte stets derselbe sein:

„Was dem Menschen dient zum Seichen,

Damit schafft er seinesgleichen.

Auf demselben Dudelsack

Spielt dasselbe Lumpenpack.“

(Heinrich Heine)

E. L. James: Shades of Grey. Geheimes Verlangen

2012, Goldmann

ISBN: 978-3-442-47895-8

12,99 €

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