Ich bin das erste Mal auf den Namen Sören Prescher gestoßen, als ich Voodoo Press entdeckte, den Verlag mit den schrägsten Büchern, die ich kenne. Und obwohl ich kein großer Freund von Militärthrillern bin, hatte mich “Der Fall Nemesis” von Sören Prescher ziemlich schnell am Wickel. Ist man einmal auf der Spur eines Autors, dann sieht man seinen Namen überall. Tatsächlich stieß ich auf mehrere seiner Kurzgeschichten und schließlich auf Sherlock Holmes taucht ab, einem Gemeinschaftswerk mit Tobias Bachmann, und auf seine Geschichte Erinnerung an Morgen, die in der gleichnamigen Steampunk Anthologie zu finden ist. Spätestens seit der Lektüre der Sherlock Holmes – Geschichte weiß ich, dass ich diesen Autor unbedingt im Auge behalten muss. Selbstverständlich wollte ich wissen, was wir Leser als nächstes von ihm erwarten dürfen!

Sören Prescher war so freundlich, meine neugierigen Fragen geduldig zu beantworten.

Soeren Prescher liest auf der SherloCon 2012

Soeren Prescher liest auf der SherloCon 2012

Kannst Du uns ein bisschen über Deine schriftstellerische Entwicklung erzählen? Was war die erste Geschichte, die Du geschrieben hast? Hast Du schon im Kindesalter gern Geschichten erzählt oder hat sich diese Fähigkeit erst im Laufe der Zeit entwickelt?

Geschrieben habe ich eigentlich schon immer und es freute mich jedes Mal, wenn wir uns im Deutschunterricht Geschichten ausdenken durften. Was meine allererste Erzählung war, weiß ich gar nicht mehr so genau, allerdings erinnere ich mich noch gut an “Rapunzel 1989″, einer Neufassung des berühmten Märchens, in dem der Prinz im Sportwagen vorgefahren kam. Die Story gefiel meinem damaligen Deutschlehrer so gut, dass er sie vor der gesamten Klasse vorlas.

Allerdings dauerte es bis zum Teenageralter, bis ich wirklich ernsthaft versuchte, Geschichten zu schreiben. Und auch dann war es erst mal ein anstrengender Prozess, sich selbst regelmäßig zum Schreiben zu überreden, wenn ich doch die Zeit genauso gut für Computerspiele, Fernsehen oder ein gutes Buch verwenden könnte. Irgendwann machte es aber “Klick” und ich begriff, dass ich ständig am Ball bleiben musste, damit aus meinen Ideen tatsächlich abgeschlossene Werke werden konnten.

Wie ist es zur Veröffentlichung Deines ersten Romans “Der letzte Sommer” gekommen? Hast Du den Verlag angeschrieben oder Dich an eine Agentur gewandt? Wie lange hast Du an diesem ersten Buch geschrieben?

An der allerersten Fassung von “Der letzte Sommer” habe ich *nur* anderthalb Jahre geschrieben. Allerdings war die noch relativ kurz und besaß kaum irgendwelche Subplots. Deshalb habe ich den Text einige Male überarbeitet, bis er 2004 im kurzlebigen Lacrima Verlag veröffentlicht wurde. Im Nachhinein betrachtet bin ich allerdings froh, dass der Roman dort nur wenige Monate erhältlich war, bevor der Verlag seinen Dienst einstellte. Die damalige Geschichtenversion war noch nicht halb so gut, wie sie hätte sein können. Erst neulich habe ich das Manuskript noch einmal komplett überarbeitet und hoffe, die aktuelle – und deutlich bessere – Fassung bei einem anderen Verlag (wieder-)veröffentlichen zu können.

Aber um die ursprüngliche Frage zu beantworten: Den Verlag hatte ich damals direkt angeschrieben. Mit der Literaturagentur Ashera arbeitete ich erst seit “Sherlock Holmes taucht ab” zusammen.

Es war Dein drittes Buch “Der Fall Nemesis”, das ich als erstes von Dir gelesen habe; es unterscheidet sich als Militärthriller thematisch sehr von den Vorgängern. Warum hast Du ausgerechnet dieses Milieu gewählt?

Streng genommen war nicht ich es, der dieses Milieu gewählt hatte, sondern die Geschichte selbst. Ebenso war es eigentlich nicht meine Entscheidung, die Handlung auf amerikanischem Boden spielen zu lassen. Eine komplexe Mordserie auf deutschem Boden, in die Angehörige der Bundeswehr verwickelt sind, erschien mir weder passend noch glaubwürdig.

Aber prinzipiell reizt es mich sehr, mich mit meinen Romanen auf Gebiete vorzuwagen, die ich vorher noch nicht beschritten habe. In einem Psychodrama “Superior” ging es zum Beispiel um Popmusik und Castingshows. Darüber eine weitere Geschichte zu schreiben, hätte mich nicht gereizt. Da bot “Der Fall Nemesis” eine sehr willkommene Abwechslung. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, irgendwann später einen weiteren Militärthriller oder einen anderen Roman zu schreiben, in dem Musik eine große Rolle spielt. Vom Plot her würde es allerdings etwas komplett Unterschiedliches zu den vorherigen Veröffentlichungen sein.

Im Augenblick erscheinen Bücher und Geschichten von Dir, die sich mit dem “Übernatürlichen” beschäftigen. Eine leichte Hinwendung zur Phantastik ist im “Fall Nemesis” bereits vorhanden, wenn auch nur in einer kleinen Anspielung auf E. A. Poe und in der unheimlichen Atmosphäre. War der Schritt vom Thriller zur Fantasy groß?

Ehrlich gesagt habe ich diesen Schritt gar nicht bewusst vorgenommen. Meine ersten Kurzgeschichten waren zwar im Fantasy- und Horrorbereich angesiedelt, trotzdem schrieb ich immer wieder Texte, in denen es um ganz weltliche Themen ging. Wenn ich eine Geschichte beginne, mache ich mir eigentlich keine großen Gedanken darüber, in welches Genre sie gehört. Aber ich tue mir mit solchen Einteilungen ohnehin schwer. Eines meiner Romanmanuskripte ist eine Roadnovel mit Mysteryelementen. Aktuell arbeite ich an einem Detektivdrama (siehe unten). Das in eine Schublade zu stecken, dürfte nicht leicht fallen. Deshalb nehme ich diese Abgrenzung gar nicht erst vor.

Dass meine bisher veröffentlichten Romane größtenteils Krimis sind, bedeutet nicht, dass mir diese Themen mehr liegen oder ich bisher keinen Horrorthriller geschrieben habe. Es ist lediglich die Veröffentlichungsreihenfolge.

Ich sehe mich auch nicht als Fantasy- Horror- oder Krimiautor, sondern eher als Verfasser von Spannungsliteratur, ganz gleich, in welchem Genre das Thema beheimatet ist. Ich würde es auch ziemlich langweilig finden, wenn ich von nun an nur noch Geschichten einer einzigen Literaturgattung schreiben dürfte.

Ich habe als Leser das Gefühl, Du hast dort, im Fantasy-Bereich, Dein Zuhause gefunden. Ist das so oder wirst Du als Schriftsteller immer routinierter? “Routiniert” ist hier nicht abwertend gemeint im Sinne von “glatter” und “langweiliger”, sondern im Sinne von “professioneller”.

Es freut mich, dass du das Gefühl hast, dass ich im Fantasy-Bereich mein Zuhause gefunden habe. Ich schreibe ziemlich gern Geschichten mit übernatürlichen Elementen und hätte kein Problem damit, mehr in diese Richtung zu gehen. Aber in der Hinsicht muss ich einfach schauen, was sich ergibt. Fest steht für mich eigentlich bloß, dass ich keine 08/15-Kost anbieten möchte. Auf die x-te Romantic-Vampir-Schmonzette verspüre ich wenig Lust.

Deine Novelle “Erinnerungen an Morgen” in der gleichnamigen Anthologie von Alisha Bionda hat mich gefesselt und, darauf war ich gar nicht gefasst, berührt. Deine Hauptfigur Henry Curton ist Erfinder und Arzt, und in seinem grenzenlosen Erkenntnisdrang überschreitet er Grenzen. Gleichzeitig ist die Liebe zu seiner Familie immer präsent. Wie versetzt Du Dich in den Kopf eines anderen Menschen, einer Deiner Figuren?

Dass dich “Erinnerungen an Morgen” gefesselt und berührt hat, freut mich ebenfalls sehr. Da scheine ich meine Arbeit nicht ganz falsch gemacht zu haben. :-)

Als Schriftsteller bist du zu einem gewissen Teil immer auch Psychologe. Wenn du dich nicht in deine Charaktere hineinversetzt, kannst du keine glaubhaften Geschichten erzählen. Ich für meinen Teil hatte noch nie Probleme damit, die Sicht anderer Menschen aufzugreifen und wiederzugeben. Manche nennen es Empathie, andere Feinfühligkeit. wenn mich Frauen nach dem Lesen von “Superior” fragen, wie ich es geschafft habe, mich so gut in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin hineinzuversetzen, scheine ich mit meinem Vorgehen auch nicht völlig daneben zu liegen.

Bevor ich eine neue Geschichte verfasse, überlege ich immer, was für Figuren ich verwenden möchte und was ihnen wichtig ist. Wenn du dich damit im Vorfeld genug auseinandersetzt, kannst du in der Geschichte auch realistische Charaktere präsentieren.

Diese Novelle ist der Anfang eines Romans, der demnächst im Fabylon Verlag erscheinen wird. Wie lange müssen wir auf die GANZE Geschichte warten?

Die Veröffentlichung ist für Mitte nächsten Jahres geplant. Allzu lang musst du dich also nicht mehr gedulden. Um die Wartezeit zu verkürzen, kannst du dich aber gern mit den Kurzgeschichtenanthologien “Snakewoman” (Fabylon Verlag) und “Düstere Phase” (p.machinery Verlag) ablenken, die neben vielen anderen tollen Geschichten auch jeweils eine neue Story von mir enthalten.

Dein aktuelles Buch ist eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Autor Tobias Bachmann. Ihr habt den berühmtesten Detektiv aller Zeiten in “Sherlock Holmes taucht ab” in einen phantatsische Fall verwickelt. War es schwer, den nüchternen Holmes und den bodenständigen Watson mit Rätseln zu konfrontieren, die ihn nach Atlantis führen, einer mythischen  Insel?

Da ich seit Kindestagen ein großer Holmes-Fan bin und bereits die eine oder andere Kurzgeschichte über den Meisterdetektiv veröffentlicht habe (zuletzt in der Anthologie “Sherlock Holmes und das Druidengrab” im Fabylon Verlag), war es für mich keine große Umstellung, noch einmal und diesmal länger in Rolle des genialen Ermittlers zu schlüpfen. Im Gegenteil, ich konnte es kaum erwarten, Holmes und Watson endlich in ihr großes Abenteuer abtauchen zu lassen. Vor allem weil ich die Dynamik der beiden so toll finde. Der eine sagt etwas Beiläufiges und sofort springt der andere darauf an und spinnt den Faden weiter. So ähnlich haben das auch Tobias und ich bei der Erstellung des Plots gemacht.

Wie schreibt man zu zweit an einem Buch? Im Buch sind keine Brüche zu spüren, es liest sich wie aus einem Guß. Plant ihr ein nächstes Gemeinschaftswerk?

Im Grunde genommen ist das gar nicht so schwer, wie man denkt. Tobias und ich hatten vorab zwei große Treffen. Während es beim ersten Brainstorming darum ging, herauszufinden, ob und was für ein Abenteuer wir das Detektivduo erleben lassen wollten, ging es beim zweiten Treffen um den konkreten Handlungsablauf. Im Angesicht zweier leckerer Pizzas haben wir verschiedene Ideen äh… durchgekaut und uns dabei ständig gegenseitig die Bälle zugeworfen. Jeder meiner Einwände kam bei Tobias gut an und wurde sofort mit der Geschichtenidee verwoben. Umgedreht war es genauso. Am Ende waren wir nicht nur pappsatt sondern verfügten über ein in sich stimmiges Handlungskonzept.

Danach haben wir uns an den eigentlichen Schreibprozess gemacht. Ich verfasste die ersten dreißig Seiten und schickte den Entwurf Tobias zu. Dieser überarbeitete den Text, fügte seine Änderungen hinzu und schrieb anschließend weitere dreißig Seiten. So ging das einige Male hin und her, bis die Geschichte fertig war und nur noch einmal im Ganzen überprüft werden musste. Alles in allem hat es kein halbes Jahr gedauert, bis der Roman fertig war – und ich habe jede Minute dieses Abenteuers genossen.

Deshalb hat es mich auch gefreut, dass wir zusätzlich dazu noch eine kleine Teasergeschichte verfassen durften, die sich jeder kostenlos auf Literra.info herunterladen kann. Der Kurzkrimi erzählt die Ereignisse unmittelbar bevor Holmes und Watson bei Inspektor Lestrade am Tatort auftauchen.

Zwar steht bei Tobias und ich mir aktuell kein neues Gemeinschaftsprojekt auf dem Plan, dennoch möchte ich eine weitere Zusammenarbeit nicht ausschließen. Außerdem exisitiert ein umfangreicher Horror-Roman, den wir beide unlängst zusammen verfasst haben. Das war technisch gesehen unser Erstling, auch wenn “Sherlock Holmes taucht ab” vorher veröffentlicht wurde.

Hast Du schon Pläne für ein nächstes Buch?

Keine ganz konkreten. Die Arbeiten an meinem Steampunk-Roman habe ich vor kurzem abgeschlossen, so dass ich mir als nächstes ein, zwei ältere Manuskripte vornehmen werde. Auf meinem Schreibtisch liegen noch zwei Mystery-Novellen, an denen ich feilen muss. Außerdem gibt es das oben erwähnte Detektivdrama. Darin geht es – man glaubt es kaum – um einen Detektiv. Dessen Privatleben gerät total außer Kontrolle, so dass er Schwierigkeiten hat, sich auf seine verzwickten Kriminalfälle zu konzentrieren. Um Übernatürliches dreht es sich dabei zwar nicht , dafür geht es dem Ermittler wirklich an die Nieren. Über Langeweile kann ich mich derzeit also nicht beklagen.

 

Danke, Sören, für Deine Geduld und für das Beantworten der Fragen!