Schwächelnder Auftakt einer starken Serie

Nachdem ich mit Begeisterung Öffne die Augen von Franck Thilliez gelesen und Bekanntschaft mit seinen Kommissaren Lucie Hennebelle und Sharko geschlossen hatte, musste ich nahezu zwanghaft seine früheren Romane lesen, um zu wissen, wie alles begann.

Ursprünglich in getrennten Serien ermittelnd, ist Lucie Hennebelle im ersten Buch noch Brigadierin, die nach der Geburt der Zwillinge frisch zum Dienst erscheint. Wie in den Jahren vor der Geburt ihrer Kinder erwartet sie eine Menge Papierkram und langweilige Routinefälle von ihrem Job, und bereits der erste Fall scheint ihr Recht zu geben. Sie soll sich mit einem Kollegen um Graffiti kümmern, die vermutlich von entlassenen Mitarbeitern auf den Mauern einer Fabrik hinterlassen wurde. Für die von Serienmördern besessene Hennebelle eine Aufgabe, die an Langeweile ihresgleichen sucht.

Tja, wie gut, dass das Schicksal noch etwas Aufregenderes für Lucie in petto hat. Die beiden Sprüher nämlich haben auf dem Rückweg vom Tatort ihres zerstörerischen Tuns einen Mann überfahren, der einen Koffer mit zwei Millionen Euro bei sich trug. Die Leiche wird entsorgt, das Geld versteckt. Die riesige Summe war jedoch das Lösegeld für ein entführtes Kind, das schnell tot aufgefunden wird: Zugerichtet wie eine Puppe und mit Wolfshaaren im Mund. Durch ihre selbstbewusste Art, vor allem aber durch ihre glühende Begeisterung für Profiling und Serienkiller wird die Brigadierin in die Ermittlungen miteinbezogen.

Der erste Fall von Lucie Hennebelle trägt bereits viel von dem in sich, was mich an Öffne die Augen fasziniert Seite um Seite hat lesen lassen. Da gibt es Ausflüge in die Psyche eines kranken Täters, einen Anflug von Wissenschaft hier und da, und vor allem die Vermischung grausiger Mordmethoden mit einem einzelnen Zweig der Wissenschaft, hier die Taxidermie. Weniger gut gefallen haben mir der sehr männliche, betonte kurz angebundene Tonfall von Franck Thilliez (nun ja, wer seinen Kommissar Sharko nennt, muss schon sehr maskulin sein) und die vielen Sprünge. Besonders die Ausflüge in den Kopf der Bestie fand ich sehr plakativ, zu grob gestrickt. Eine Szene im Roman ist derart überzogen, dass sie unfreiwillig komisch wirkt: Lucie trifft im Zoo auf einen Veterinär, der sich die Eckzähne feilt, beim Geheul der Wölfe in Begeisterungsstürme ausbricht und Äußerungen des Grafen Dracula paraphrasiert. Nach einem Zwischenspiel à la Hannibal Lecter entpuppt er sich als harmloser Gothic – Lucies Angst, ihr unsicherer Griff nach der Waffe, das alles war viel zu überzogen.

Dennoch bin ich froh, dass ich Die Kammer der toten Kinder gelesen habe, denn Brigadierin Hennebelle, die Koryphäe auf dem Gebiet des Serienmords, ist eine interessante Figur mit Geheimnissen, die in den späteren Romanen nach und nach enthüllt werden.  Hier wirkt sie noch umständlich und kompliziert, doch bereits im nächsten Fall Im Zeichen des Blutes wird ihre Charakterisierung komplexer und feiner. Es lohnt sich, nach diesem etwas schwachen Auftakt nicht aufzugeben und der Serie noch eine Chance zu geben.

Franck Thilliez: Die Kammer der toten Kinder

2007, Ullstein

ISBN: 978-3548266671

8,95 €

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Öffne die Augen

Der neue Fall von Hennebelle und Sharko wird von Wiltrud hier empfohlen.