Es beginnt wie ein typischer Fall aus der Feder Conan Doyles: Sherlock Holmes und sein Freund und Kollege Dr. Watson werden vom ratlosen Inspektor Lestrade zu einem Tatort gerufen. Ein mit äußerster Brutalität ermordeter Mann gibt Scotland Yard Rätsel auf, und wer soll´s richten? Natürlich der geniale Sherlock Holmes. Und er enttäuscht den rattengesichtigen Inspektor nicht. Bereits nach kurzer Zeit hat er nicht nur herausgefunden, wie die blutige Tat verübt wurde, sondern auch, dass dies kein zufälliger Mord war. Und der Tote ist bereits das dritte Opfer des Mörders.

Soweit so klassisch. Sherlock Holmes taucht ab von Tobias Bachmann und Sören Prescher beginnt ganz im Tonfall Arthur Conan Doyles, und auch die Handlung bleibt zunächst völlig dem Original verhaftet.  Dr. Watson nutzt die Gelegenheit, dem öden Alltag eines praktizierenden Arztes zu entkommen und mit seinem Freund die gute, alte Zeit wiederzubeleben. Holmes ist wie gewohnt genial aber wortkarg und verschwindet kurzfristig, während Watson recht erfolgreich die Methoden seines Freundes kopiert und im Londoner Hafen landet. Er heftet sich an die Fersen des Mörders, und nur ein dramatisches Auftauchen des großen Detektivs rettet ihn vor ernsthaftem Schaden. Auch dies kommt dem Sherlockianer durchaus bekannt vor. Dies sind allerdings die ersten 58 Seiten des Romans, und sie erfüllen ihre Aufgabe, indem sie uns Leser mit den Figuren bekannt machen und der Geschichte Raum geben, sich zu entfalten.

Peter Wall, Innengrafik in Sherlock Holmes taucht ab

Copyright Peter Wall, Innengrafik in Sherlock Holmes taucht ab

Bachmann und Prescher machen das großartig, denn erstens ist keine Spur von zwei Autoren am Werk zu entdecken, und indem sie ganz im Kanon bleiben und nur hier und da bereits Hinweise auf den mystischen Einschlag geben, der uns später erwartet, bereiten sie das Terrain vor. Gut gefallen haben mir die respekt- und liebevollen, manchmal mit einem Augenzwinkern präsentierten Anspielungen auf die Doyle´schen Originale. Beiden scheinen ihren Holmes nicht nur ausgiebig studiert zu haben, sondern ihn auch zu schätzen, eine Tatsache, die mir das Buch lieb und teuer macht angesichts so vieler schlechter Imitationen, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Und hier, an diesem Punkt, endet die Verbeugung Bachmanns und Preschers vor dem Original, und ihre eigene Geschichte nimmt rasant an Fahrt auf.  Ein geheimnisvolles Metall führt die beiden auf die Spur des mythischen Kontinents Atlantis, und bald finden sie sich an Bord eines Unterseeboots wieder, das sie auf die angeblich untergegangene Insel führt. Dort ermitteln sie in den Mordfällen vom Beginn, geraten auf die Spur von Schmugglern und sind zum spannenden Finale wieder im Londoner Hafen angelangt.

Auch an Bord des Unterseebootes und in Atlantis bleiben Holmes und Watson ihren Charakteren treu, was sehr zum Gelingen des fantastischen Handlungsstrangs beiträgt. Watson erliegt nur zu leicht den Reizen des weiblichen Geschlechts und glaubt arglos wie stets das Beste von seinem Gegenüber, während der rationale Holmes misstrauisch und wachsam bleibt. Die hochtechnisierte Welt der Inselbewohner trägt einen Hauch Science Fiction in den Roman, der sich nahtlos in die Handlung einfügt und zwar deutlich, aber nicht zu dick aufgetragen wirkt. Das viktorianische London als Ausgangspunkt bleibt im Hintergrund, im Tonfall, immer spürbar. Da Holmes und Watson außerdem eine Reise in einem U-Boot unternehmen, ist selbst für jemanden wie mich, die Jules Verne nie gelesen hat, klar: Hier wird einem weiteren Schriftsteller des 19. Jahrhunderts Tribut gezollt.

Peter Wall, Innengrafik in Sherlock Holmes taucht ab

Peter Wall, Innengrafik in Sherlock Holmes taucht ab

Alles in allem war die Lektüre für mich, den pedantischen und eher konservativen Sherlockianer, eine unterhaltsame und witzige Erfahrung, anspielungsreich und respektvoll, also genau so, wie ich meine Pastiches mag. Sherlock und Watson bleiben sie selbst, auch wenn sie unter Wasser ermitteln.  Nirgendwo spürt man, dass sich zwei Autoren ans Werk gemacht haben, Sherlock Holmes taucht ab liest sich wie aus einem Guss, und auch wenn die Fantasie der beiden Autoren wilde Kapriolen schlägt (und eine Reise von Holmes nach Atlantis nennt jener Pedant in mir eine ziemlich wilde Kapriole), bleibt durch das Wahren der Form und des Stils eine gewisse Vertrautheit mit dem, was Holmes-Leser lieben, gewahrt.

Ein Wort noch zu den Illustrationen von Peter Wall, die ich freundlicherweise hier abbilden darf: Sie sind wundervoll! Hier lohnt es sich, auf das sehr preisgünstige Ebook zu verzichten und sich die gedruckte Ausgabe zu kaufen, denn im Ebook fehlen die Innengrafiken. Peter Wall fängt die Atmosphäre des Buches sehr gut ein und schafft es mit seinen Schwarzweißzeichnungen, das Buch zu bereichern.

Und auch auf den Verlag möchte ich als Buchhändlerin und als unersättliche Leserin ausdrücklich hinweisen: Der Fabylon Verlag ist ein engagierter Verlag, der Bücher abseits vom Mainstream herausbringt und den man deshalb nicht oft genug herausstellen kann. Wer Wert drauf legt, die Vielfalt des Buchmarkts zu erhalten und nicht nur an Massenware interessiert ist, der sollte auch mal das Wagnis eingehen, ein Buch zu kaufen, das nicht mit Millionenbeträgen beworben wird. Oft entdeckt man ein kleines Juwel, das man sonst vielleicht übersehen hätte.

Tobias Bachmann, Sören Prescher: Sherlock Holmes taucht ab

2012, Fabylon

aus der Reihe Meisterdetektive, herausgegeben von Alisha Bionda

ISBN: 978-3-927071-76-6

14,90 €

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