Märchenvariationen von Fantasy bis Krimi habe ich immer schon gern gelesen, also konnte ich zum neuen Buch von John Katzenbach nur schwerlich „Nein, ich lese dich später“ sagen. Hier ist der böse Wolf auf der Jagd nach gleich drei Rotkäppchen – Lesen war für mich also ein Muss.

Der Wolf ist ein ehemals erfolgreicher Thrillerautor, der an seine großen Erfolge anknüpfen und gleichzeitig als berüchtigter Serienkiller in die Geschichte eingehen möchte. Er sucht sich drei unterschiedliche Frauen aus, deren Gemeinsamkeit das rote Haar ist, beobachtet sie und erkundet ausführlich ihre Gewohnheiten. Dr. Karen Jayson ist für den Wolf Rote Eins, eine Frau in mittleren Jahren, deren letzte Liebesaffäre schon lange zurückliegt und deren einzige Laster heimliches Rauchen und geheime Auftritte als Stand-up Comedian sind. Rote Zwei ist Sarah Locksley, die Mann und Kind bei einem schrecklichen Unfall verlor und nun mit Barbituraten und Wodka benebelt durch ihr Leben taumelt. Rote Drei schließlich ist Jordan Ellis, eine Schülerin, die unter der Scheidung ihrer Eltern und dem Psychoterror von Mama und Papa extrem leidet. Sie alle erhalten einen Brief vom Wolf, in dem ankündigt, sie zu töten.

Katzenbach scheint einer der Schriftsteller zu sein, der die Leser in zwei Lager spaltet: Die einen lieben ihn und seinen Stil, die anderen finden, er habe unerträgliche Längen. Auch bei der Lektüre von Der Wolf kann man nachvollziehen, warum die Liebhaber actionreicher Durchschnittskost sich von ihm abwenden. Die Geschichte selbst ist originell, und sicher fragen sich nicht wenige Leser, ob im Wolf das Alter Ego vom Psychopathen Katzenbach stecken mag (ein vergleichsweise lahmer Trick, wie ich finde – der Autor vom hervorragenden Thriller Der Patient sollte solche Mätzchen nicht nötig haben). Wo war ich? Ach ja, bei den Längen.

Katzenbach nimmt sich Zeit für die Reaktionen seiner Protagonisten. Das mag man unnötig nennen, wenn man lieber über hirnlose mordende Deppen liest. Hier tut es der Geschichte gut, obwohl der Autor mit drei Roten, Mr Böser Wolf und Mrs Böser Wolf eine ganze Menge Personal psychologisch zu durchleuchten hat. Stimmig sind die Reaktionen immer: Böser Wolf ist ein Sadist, dessen Freude an der Angst der Frauen wirklich gut beschrieben wird. Mrs Böser Wolf, die im Laufe der Geschichte einige Überraschungen zu bieten hat, will ihr geliebtes Idol nicht vom Sockel stoßen und verleugnet die Realität, solange es nur geht. Und die drei Roten, die sich recht früh im Verlauf der Geschichte finden und zusammentun, lernen, die Angst vor der Angst zu verlieren – was nicht gerade leicht ist, wenn man gestalkt wird, von der Polizei nicht ernst genommen und mit einem schmerzhaften Tode bedroht wird.

Eines noch zum Stil: John Katzenbach weiß, was er tut. In jedem Satz und mit jedem Wort. Er ist ein sehr guter Unterhalter und ein gnadenloser Manipulator seiner Leserschaft – man durchschaut durchaus, was der Kopf hinter dem bösen Märchen bezweckt und wie er es erreicht, kann sich aber dem Sog und der unvermeidlichen Faszination trotzdem nicht entziehen. Das ist nicht hochliterarisch, aber hoch unterhaltsam.  ACHTUNG SPOILER:  Das Ende freilich mit seinem Anklang von Selbstjustiz hat bei mir persönlich den Bogen überspannt. Und dennoch: was mich beim moralinsauren Argus von Jilliane Hoffman das Buch verächtlich mit den Augen rollend zur Seite legen ließ, hat mich bei Katzenbach in seiner absolut nicht überheblichen Art nicht allzusehr gestört. Zumindest nicht im ersten Rausch des Lesens. Ich sag´s ja: Er ist ein Meister der Manipulation!

Der Wolf. Ein Thriller für alle, die einen Blick in die schwarze Seele eines Killers werfen wollen, der langsam und genüsslich, mit einer gewissen Raffinesse mordet. Wohl bekomm´s!

John Katzenbach: Der Wolf

2012, Droemer

ISBN: 978-3-426-19825-4

19,99 €

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