Es gibt nur wenige Bücher, zu denen ich nach der Lektüre ein ähnlich gespaltenes Verhältnis hatte wie zu Maureen Johnsons The Name of the Star. Es lockte mich mit allem, was ich mag: Ein düster-romantisches Cover, das einen historischen paranormalen Roman versprach, es lockte mit dem Namen Jack the Ripper, und vor allem mit London und einem verwegenen Trupp Geisterjäger. In der Theorie war alles vorhanden, was mir das Buch lieb und teuer machen sollte. In der Praxis erwies es sich dann als wesentlich unzugänglicher, als ich erwartet hatte.

Zunächst einmal hat mich das Cover vollkommen getäuscht (das nehme ich allerdings auf meine Kappe, denn ich hätte ja die bereits erschienenen Rezensionen lesen und mich schlau machen können). Hier handelt es sich keineswegs um einen Ausflug ins viktorianische London, sondern um die schnöde Gegenwart. Rory Deveaux, Teenager aus Louisiana, wird ihr nächstes Schuljahr in London verbringen, da ihre Eltern aus beruflichen Gründen nach Bristol, England ziehen. Sie entscheidet sich für das Internat Wexford, das sich mitten in London befindet. Doch kaum ist Rory in London angekommen, geschehen grausige Morde, die sich am historischen Vorbild der Ripper-Morde  orientieren. Als ein Mord auf dem Schulgelände stattfindet, ist Rory die einzige Augenzeugin und rückt unmittelbar in den Fokus des Mörders.

Soweit, so konventionell und so geisterfrei. Natürlich ist schnell klar, dass der Grund, warum Rory den Killer sehen kann und ihre Schulfreundin nicht, darin liegt, dass der Bösewicht ein Geist ist. Und ebenso schnell wird dem Leser klar, dass die seltsam jungen Polizisten und Undercover-Ermittler, die sich um Rory scharen, eine Truppe Geisterpolizisten ist, abkommandiert zu ihrem Schutz.

Zunächst dachte ich, The Name of the Star hätte mich allein deshalb nicht vollkommen in den Bann gezogen, weil es wieder einmal Teenager sind, die hier furchtlos ermitteln. Und rund um diese Teenager gruppieren sich alle Probleme, denen ich mich entwachsen glaube: Probleme mit Mitschülern, die Anziehungskraft eines Jungen, der nicht der Richtige ist (was jeder außer der betreffenden Verliebten selbstverständlich ahnt), Klamotten, und in diesem Falle noch die außerordentlich schreckenerregenden Repressalien in Form von Schulsport und Kantinenessen.

Das Nachlesen bescherte mir jedoch den einen oder anderen Aha-Effekt. Zunächst einmal gibt es eine ganze Menge Unlogik in der Handlung. Rorys Eltern sorgen sich wie verrückt um sie und bestehen trotzdem nicht darauf, sie nach Bristol zu holen? Da kann es mit der elterlichen Sorge nicht so weit her sein. Sie selbst wundert sich nur ein wenig, dass sie als einzige Person den Killer sehen kann, mehr nicht. Besonders beunruhigt ist sie auch nicht, und seltsam gleichgültig gegenüber den grausigen Ereignissen. Ihre Zimmergenossin Jazza, die besorgter reagiert, wird liebevoll-herablassend von ihr behandelt, wie eine Hysterikerin am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ich bin die einzige Augenzeugin im Mordfall des Jahrhunderts? Kein Problem, alles cool. Gepaart mit der leicht rehäugigen Unschuld und dem Prinzessinnen-Syndrom hat mich diese Apathie der Hauptfigur sehr genervt.

Bis beinahe zur Hälfte des Buches ist die Handlung ein solider Jugend-Krimi, da Rory selbst nicht realisiert, dass sie Geister sehen kann. Die beiläufige Art, warum sie auf einmal paranormale Fähigkeiten entwickelt, war für mich ebenfalls zu unspektakulär Achtung SPOILER – sie verschluckte sich am englischen Essen, erstickte beinahe, und durch diese Nahtoderfahrung im Verein mit ihrer Jugend erwarb sie die Fähigkeit, Gespenster zu sehen. Uäh! Knapp zwei Seiten Herumgehampel im Speisesaal, und plötzlich bin ich ein Geisterseher? Wie banal. Aber irgendwie passt das zu Rory, diese Banalität, denn sie ist eine völlig durchschnittliche Person, nicht besonders sympathisch, aber auch keine abstoßende Protagonistin. Sie ist einfach da, irgendwie zufällig in diese Geschichte geraten, und ich muss nun sehen, wie ich mit ihr zurechtkomme.

Warum ich das Buch trotzdem bis zum Ende gelesen habe und auch den zweiten Teil lesen werde, der im Januar erscheint? Naja, da ist zum einen diese Truppe zusammengewürfelter Geisterpolizisten, die mir gut gefallen hat, die zwar auch mit konventionellen Ecken und Kanten versehen sind, aber durchaus noch ein paar Geheimnisse zu verbergen scheinen. Achtung SPOILER  (Mein Tipp: Stephen im Auge behalten. Ich bin sicher, ich kann aus der Beschreibung seines Bartschattens lesen, dass Rory mit ihm zusammenkommen wird.) Es ist jede Menge Potential vorhanden für weitere, interessante Fälle, die den Namen Jack the Ripper nicht als Köder brauchen. Denn mit Jack the Ripper wurde ich ganz eindeutig verführt, das Buch zu kaufen – und trotz aller Recherche, was Zeitablauf, Tathergang etc. der ursprünglichen Morde angeht, wird dieses Versprechen nicht gehalten. Der Bösewicht hat mit dem Ripper eigentlich nichts zu tun, sein Ziel ist ein anderes. Das Finale, in dem nach und nach die Motive des Killers enthüllt werden, ist gut gelungen. Nachdem alle anderen ausgeschaltet und verhindert sind, muss Rory endlich aktiv werden – das war schon lange überfällig. Die allerletzten Seiten schließlich sind mit einem milden Cliffhanger versehen, der keine unerträgliche Spannung aufbaut, aber doch neugierig auf die Fortsetzung macht.

Insgesamt gesehen bin ich The Name of the Star auch dankbar dafür, dass es mich in eine ganz bestimmte Stimmung versetzt hat, in der ich Lust auf viktorianischen Grusel bekam. Die Erwartungen an dieses Buch hat Maureen Johnson nicht erfüllen können, aber Verlangen nach einem  gut geschriebenen Abenteuer mit einem intelligenten Geisterjäger hat sie mir gemacht – immerhin.

Maureen Johnson: The Name of the Star

2012, Harper Collins

ISBN: 978-0-00-739863-8

9,50 €  (nicht preisgebunden)

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