Die Tochter eines berühmten Theaterregisseurs wird ausgeblutet, mit zerfetzter Kehle und umgekehrt gekreuzigt im Wien der 1920er Jahre gefunden. Treibt ein Vampir sein Unwesen? Der leitende Gendarm Karl Gruber leidet an Schlaflosigkeit und sucht den berühmten Professor Freud auf, um Hilfe für sein Leiden zu finden. Freud, gelangweilt von den bürgerlichen Leiden seiner Patienten und hungrig nach einer analytischen Herausforderung, macht seine Tochter Anna zu seinen Augen und Ohren und stellt sie Gruber bei dessen Befragungen zur Seite. Doch Freud unterläuft bei seiner Interpretation des Falles ein fataler Fehler, und Anna gerät in große Gefahr.

Soviel zum Inhalt des einstündigen Kriminalhörspiels Professor Sigmund Freud: Das zweite Gesicht aus den Hause STIL. Die Umsetzung ist exzellent: Großartige Sprecher wie Hans Peter Hallwachs als Freud, Felicitas Woll als Anna und Andreas Fröhlich als Karl Gruber machen viel mehr als ihre Arbeit, ebenso wie sämtliche Nebenrollen, allen voran Rolf Zacher als jähzorniger Vater und Regisseur, der süffisant, lüstern,  absolut egozentrisch und besessen von seiner Arbeit ist. Auch die musikalische Untermalung ist ausgezeichnet, sie fügt sich in den Text ein, untermalt diskret oder dramatisch die Seelenlage der handelnden Personen, ohne jemals die Ohren zu belasten durch ihre Lautstärke.

Allerdings gibt es ein aber: die Geschichte selbst. Bis zum letzten Drittel ist sie klug durchdacht und komponiert, man wird durch die Anwesenheit des durch Freuds Aufzeichnungen berühmt gewordenen Wolfsmannes auf Freuds Couch in dessen Arbeitsalltag eingeführt, man erfährt nebenbei einige Details aus dem Leben des Analytikers, und auch die Einbeziehung von Anna und Freud in den Fall, ohne die Vorgesetzten einzuweihen, wirkt nicht aufgesetzt, sondern erhält genug Raum für eine innewohnende Plausibilität. Freuds eigene Seelenlage wird durch die beiden Stimmen seines Über-Ich und Es kenntlich gemacht, eine originelle und schön umgesetzte Idee.

Als es jedoch zum Finale kommt und sich die Ereignisse nicht überschlagen, sondern Freud auf nicht erklärte Weise ganz plötzlich die Gefahr erkennt, in der seine Tochter schwebt, wird es langatmig und dumm zugleich. Anna erschleicht sich Zugang zum Ball der Vampire, Freud und Gruber verschaffen sich illegal Zutritt zum Grundstück, der Täter gesteht. Fertig. Auch die Anwesenheit der Verdächtigen wirkt konstruiert und ganz und gar nicht glaubhaft. Das ruhige Tempo, das dem Hörspiel zu Beginn so gut getan hat und durch das sich dieser erste Teil der Serie wohltuend von anderen unterschied, wird fallen gelassen und muss einer Ansammlung von dunklen Andeutungen Freuds und oben erwähnten forcierten Handlungen weichen. Schade! Ich glaube, dass dieses Hörspiel tatsächlich nach mindestens der doppelten Länge verlangt, um in die Tiefe gehen zu können und trotzdem mit einer Handlung zu punkten, die plausibel und spannend ist. Oder, um fair zu sein: fesselnd würde mir reichen. Spannung im herkömmlichen Sinne ist hier auch das falsche Wort, denn die Mischung aus Psychoanalyse und Krimi ist hochinteressant und über weite Teile fesselnd, aber nicht nervenzerfetzend spannend.

Was mich dann endgültig von der Versuchung heilte, dem zweiten Teil eine Chance zu geben, war der wissenschaftliche Kommentar von Dr. Salwa Meier, die als nicht professionelle Sprecherin keine gute Figur abgibt und sich redlich müht, dem Laien Freuds System der Psychoanalyse auf simple Weise zu erklären. Nach zwei Minuten habe ich abgeschaltet und mich gefragt, ob die Macher der Serie, die ja mit der bei Bastei Lübbe erschienenen Edgar A. Poe –Hörspielserie eine umwerfende und leider eingestellte Arbeit abgeliefert haben, diese Art von Pseudo-Vertiefung wirklich nötig haben. Ich denke nicht. Das können sie besser!

Professor Sigmund Freud 01: Das zweite Gesicht

2011, Stil

ISBN: 4042564128260

8,99 €

Jetzt bestellen!