Meine Lektüre von PopCo begann mit einem prahlerischen Zitat im Klappentext: „Dieses Buch wird vielleicht ihr Leben verändern.“ So behauptete es zumindest die Independent on Sunday. Bücher, die mit solchen Verheißungen prahlen, lege ich gezielt zur Seite, um sie nur in Zeiten allergrößten Lesemangels wieder hervorzukramen, denn normalerweise entpuppt sich ihr Inhalt als esoterisch angehauchte Lebensweisheiten, die sich jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand nicht erst erkaufen muss.

Doch PopCo las ich trotzdem. Das lag zuallererst einmal daran, dass ich von der Autorin Scarlett Thomas bereits Das Ende der Geschichten gelesen hatte und ziemlich angetan war. Tatsächlich ruhte PopCo schon lange auf meinem SUB und wartete auf den richtigen Zeitpunkt, um gelesen zu werden.

Um es gleich zu sagen: PopCo hat mein Leben nicht verändert. Das ist kein Grund, enttäuscht zu sein, denn es ist ein großartiger Roman, der mich begeistert und hingerissen hat wie schon lange kein Roman mehr.

Erzählt wird die Geschichte von Alice Butler, die in einem riesigen Spielwarenkonzern arbeitet und am Wochenende mit anderen Mitarbeitern auf dem Land an einem Inspirations-Camp teilnimmt. Gesucht wird ein Produkt für die zahlungskräftigste Kundengruppe, für junge Mädchen, mit dem PopCo seine Konkurrenz schlagen kann. PopCo fördert die Kreativität seiner Mitarbeiter (und damit seinen Umsatz), indem Teamgeist und Ideenentwicklung vermeintlich spielerisch gefördert werden, beispielsweise durch gemeinsames Segeln. Die Produktentwicklerin Alice fühlt sich fehl am Platze unter lauter Trendsettern und genialen Kreativen, sie will eigentlich nur ihre Ruhe haben und an ihren eigenen Projekten feilen.

Aber auch als Außenseiterin kann sich die eigenbrötlerische Alice dem Sog der begeisterten Gemeinschaft nicht entziehen und beginnt, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern. Was hat sie selbst am meisten interessiert? Was hat sie bewegt? Als codierte Botschaften für Alice auftauchen, macht sie sich auf die Suche nach dem Absender und erinnert sich immer intensiver an ihre Kindheit und Jugend. Sie wuchs bei ihren ungewöhnlichen Großeltern auf, ihre Großmutter war eine berühmte Mathematikerin, und ihr Großvater, ebenfalls ein genialer Mathematiker, widmete sein Leben der Entschlüsselung einer codierten Schatzkarte. Ihre Mutter starb früh, und ihr Vater verschwand auf der Suche nach jenem Schatz.

Was mich an PopCo so begeistert hat? Zum einen die leichtfüßige Art, in der Scarlett Thomas Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwebt. Die Suche nach dem Absender der verschlüsselten Botschaften, Alice Leben und damit auch die Geschichte ihrer Großeltern, erhalten gleich viel Raum und beide Erzählstränge sind überaus reichhaltig. Es war faszinierend, die Biografien der Großeltern zu entrollen, und gleichzeitig war ich begierig darauf, nun endlich zur Lösung des gegenwärtigen Rätsels zu gelangen. Die mir fremden und unverständlichen mathematischen Rätsel, die zum Schatz führen, verpackt Thomas geschickt portionsweise in Geschichten, so dass ich selbst an diesen Stellen nichts flüchtig überlesen wollte. Parallel dazu wurde der Spielwarenkonzern immer unheimlicher, und keinem von Alice verrückten Kollegen konnte ich über den Weg trauen. Bis zum Ende des Buches blieb ich gemeinsam mit Alice darüber im Dunklen, welche Art von Spiel hier gespielt wurde.

Im Roman finden sich unglaublich viele Farbtupfer in Form von Einsprengseln über existenzielle Fragen, die viel zur Atmosphäre beitragen. Homöopathie, Marketing, virtuelle Welten, Vegetarier und Veganer, Globalisierung und Ausbeutung durch Großkonzerne sind die wichtigsten Themen, die populärphilosophisch in die Handlung integriert werden. Die Moralkeule wird nicht geschwungen (nun gut, am Ende vielleicht ein winziges bisschen), denn Alice treibt zu Beginn selbst orientierungslos im Leben und weiß nicht, was sie sucht. Wahrscheinlich hat mir PopCo deshalb so gut gefallen: Man kann an das Gute im Menschen glauben, ohne selbst immer auf der Verliererseite zu stehen. Egoismus ist nicht des Rätsels Lösung für mein Wohlergehen.

Okay, das klingt ziemlich moralinsauer. Aber das ist meine Sicht auf das Buch nach der Lektüre – während des Lesens hatte ich eigentlich zu wenig Zeit, um mir über eine mögliche Botschaft des Buches Gedanken zu machen, dazu ist der Roman viel zu unterhaltsam, sein Humor zu skurril und die Personen zu lebendig.

Einziger Wermutstropfen: Das Buch erschien in England bereits 2004, und viele technische Entwicklungen wie bei den virtuellen Welten sind bereits überholt. Meine Faszination und mein Lesevergnügen sind dadurch aber nicht zu Schaden gekommen.

 

Scarlett Thomas: PopCo

2010, Rowohlt

ISBN: 978-3-499-25253-2

12,- €

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