Das beschauliche Dörfchen Heptonclough im englischen Lancashire ist ein Ort, der auf den ersten Blick sehr idyllisch wirkt. Die Fletchers, die mit ihren beiden Söhnen und der Tochter neu hinzugezogen sind, glauben sich am Ziel ihrer Träume vom romantischen Landleben, doch man ahnt es bereits: In Heptonclough wird die Bluternte eingefahren.

Es ist nicht nur das Schlachtritual mit jenem Namen, das die Idylle in den Augen der Hinzugezogenen erschüttert. Im Dorf sterben kleine Mädchen: Megan ging im Moor verloren, Hayley kam bei einem Brand ums Leben. Gillian, Hayleys Mutter, ist davon überzeugt, dass ihre Tochter noch lebt und befindet sich nach der Trennung von ihrem Mann in Behandlung bei der Psychiaterin Evi Oliver. Und auch Harry Laycock, neuer Pfarrer der seit zehn Jahren ungenutzten Kirche, wird nicht nur in seelsorgerischer Funktion in die unheimlichen Geschehnisse in Heptonclough hineingezogen. Als eine Friedhofsmauer einstürzt, wird ein Kindergrab freigelegt, doch statt einer Leiche finden sich gleich drei Mädchenleichen dort.  Den Kindern der Fletchers begegnet eine gruselige Gestalt, ein Geist vielleicht, der die Kinder fortlocken möchte von ihrem neuen Zuhause.

Aus den Blickwinkeln der drei neu angekommenen Parteien wird ein Blick hinter die Kulissen nachbarlicher Hilfsbereitschaft und dörflicher Lebensgemeinschaft geworfen. Der Hauptcharakter ist jedoch Heptonclough selbst inklusive der unheimlichen, nebligen, vom Hochmoor geprägten Atmosphäre. In einem Psychothriller von Sharon Bolton darf man mit mystischen Erscheinungen rechnen, mit Anspielungen an Geistergeschichten, Wiedergänger, mit einem Dorf, das mich in seiner Intensität an Stephen Kings Hotel erinnert hat – aber jedem vernunftbegabten Leser wird auch klar sein (ohne hier zu viel zu verraten), dass dieses Dorf kein beseeltes Eigenleben führt.  Und genau diese Art von Realitätsverbundenheit  ist hier, in Bluternte am rechten Platz: Viel schauriger als ein Dorf, das die Menschen lenkt, sind die Menschen, die das Dorf lenken.

Die finale Lösung ist dramatisch und herzzerreißend, es gibt Täter und Opfer, die nicht geschont werden von der Autorin, die die Fäden souverän in der Hand behält. Hervorragend gefällt mir auch, wie Bolton mit dem Anfangsverdacht, der sich natürlich bei drei verschwundenen kleinen Mädchen anbietet, und den daraus entstandenen Erwartungen, spielt.

Eine angenehme Antiklimax ist der Epilog, der den Wunsch nach einer doch eher unwahrscheinlichen Fortsetzung im Leser wach werden lässt. Dennoch, und darin liegt die Kunst Sharon Boltons, ist man am Ende zufrieden mit dem unbefriedigenden Ende, weil es sich genau richtig anfühlt. Das Herz sagt: Ich will ein Happy End. Der Kopf sagt: So ist das Leben.

Sharon Bolton: Bluternte

2012, Goldmann

ISBN: 978-3-442-47859-0

9,99 €

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