Unbestreitbar gibt es Sommerbücher, die man am liebsten an einem lauen Abend in leichter Brise liest, am besten mit einer Packung Taschentücher neben sich, doch zu den Charakteren, die mit am besten in die trübe Jahreszeit passen, gehört für mich ganz sicher Sherlock Holmes. Nicht nur, weil man an einem nebligen Tag viel schneller selbst in der Baker Street landet, sondern auch, weil man sich sicher und geborgen fühlen kann, wenn man als Begleiter und Beschützer gegen die Finsternis irgendwo da draußen einen unvergleichlichen Meisterdetektiv und seinen treuen Kollegen an seiner Seite weiß. Es gibt jedoch auch Holmes-Titel, die dem Leser den Boden unter den Füßen wegziehen. Dies kann durchaus eine bereichernde Erfahrung sein, wie ich bei der Lektüre des Buches Sherlock Holmes – Das ungelöste Rätsel am eigenen Leibe erfahren durfte.

Sherlock Holmes – Das ungelöste Rätsel ist Band zwei der Kurzgeschichtensammlung, der sich unter der Ägide von Alisha Bionda mit Fällen des Meisterdetektivs befasst, die Holmes mit übernatürlichen Rätseln konfrontieren.  Bereits die Eröffnungsgeschichte von Christoph Marzi Das ungelöste Rätsel hat es in sich. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der Fall wahrhaftig ungelöst bleibt und mich zutiefst irritiert zurückgelassen hat, unzufrieden mit dem ganz untypischen Ende einer Holmes-Geschichte und bezaubert vom makellosen Stil einer ganz typischen Holmes-Geschichte. Dieser Gegensatz, diese Mischung aus Vertrautheit und Irritation, vereint mit dem Auftauchen einer anderen Doyle´schen Romanfigur, übt einen sehr großen Reiz aus, dem man sich nur schwer zu entziehen vermag.

Die zweite Geschichte des Buches ist von Arthur Gordon Wolf und  wurde umgehend meine erklärte Lieblingsstory. Wheezy-Joe oder der dunkle Gott der Menge ist eine jener Geschichten, die nach dem Tode Holmes auftauchten und die sein Chronist Watson mit „Ultima Ratio – die geheimen Fälle des Sherlock Holmes“ betitelte. Der Einsatz der übernatürlichen Elemente erfolgt – ich kann es nicht anders beschreiben – sehr diskret, obwohl die bizarre Mordserie ihre Ursprünge durch und durch in der Welt des Mystischen findet und dies für den Leser auch sehr schnell klar wird. Der Mörder, der sich durch ein Keuchen bemerkbar macht, scheinbar ohne Motiv meuchelt und der sich nach der Tat in Luft aufzulösen scheint, ist kein Mensch und auch nicht mit menschlichen Waffen zu schlagen. In Wheezy-Joe stimmt einfach alles, der Tonfall, die Charaktere, die nicht außerhalb der Doyle´schen Vorgaben handeln, der Ablauf der Geschichte, die Sprache, alles passt perfekt in den Kanon und ist doch ein durch und durch eigenes Stück Prosa. Ich ziehe meinen Hut! (Nein, ich knickse natürlich.) Von diesem Holmes möchte ich gerne mehr lesen, am liebsten einen ausgewachsenen Roman.

Die nächste Kurzgeschichte stammt aus der Feder von Klaus-Peter Walter, der in dieser Sammlung mit sage und schreibe drei Geschichten vertreten ist, zu Recht, denn wenn auch seine Fantasie ziemlich wild wuchert und im Kontext mit Holmes Piraten, fliegende Teppiche und ähnliches etwas gewöhnungsbedürftig ist, so macht mir seine Konzentration auf Watson bereits sein erstes Abenteuer Watson und die Frau aus dem Meer lieb und teuer. Dem Charme des Frauenkenners Watson konnte und wollte ich mich nicht entziehen.

Das Duplikat von Aino Laos erzählt von einem Fall, der je nach des Lesers Vorstellung ganz im Kanon bleiben kann oder auch nicht. Holmes bleibt Holmes in seiner Brillanz, und Watson bleibt Watson in seiner kritiklosen Bewunderung im Angesicht der Methoden des Meisters.

Auch Sören Prescher erlaubt es dem Leser, seine eigene Entscheidung zu treffen über Übersinnliches oder Reales im Fall Der verfluchte Mann. Sprachlich ist die Balance zwischen „genug Doyle“ und „genug Sören Prescher“ absolut getroffen, man erkennt beide, so wie ich es mir von einem Pastiche wünsche. Der Fall selbst ist spannend und ungewöhnlich, die Charaktere sind gerade so weit außerhalb der Erwartungshaltung, dass es großes Vergnügen bereitet, von ihnen zu lesen und man selbst als strenger Sherlockianer nichts zu mäkeln findet. Auch hier wünschte ich mir mehr, einen Roman – und wie gut, dass mein Wunsch bereits mit Sherlock Holmes taucht ab in Erfüllung gegangen ist.

Sherlock Holmes und der Orchideenzüchter stammt  aus der Feder von Klaus-Peter Walter und zitiert  in Form und Inhalt das Original. Eine rundum perfekte, spielerische Variante, leicht, aber nicht gewichtslos, deren Lektüre mir große Freude bereitet hat.

Von Christian Endres ist die Erzählung Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes, und auch wenn ich sie bereits aus dem gleichnamigen Titel des Atlantis Verlags kannte, tat es dem Lesegenuss keinen Abbruch – im Gegenteil, denn es zeigt, dass hier mit hohen Qualitätsstandards veröffentlicht wird. Die Erzählung selbst ist wild und wuchernd in ihrer Fantasie, aber in sich so logisch, dass es bereits nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass hier der britischste aller Detektive gegen einen Gegner antritt, der nicht real sein kann. Irische Kobolde? Der paranoide Inspektor Gregson, den M. J. Trow in seinen Lestrade-Romanen auftreten lässt, hätte seine helle Freude gehabt! Im Uhrwerk des Todes trifft man auf alte Bekannte wie den Spürhund Toby und auf neue, unbekannte Elemente; und wiederum kann ich nur sagen: Danke für eine neue Holmes-Erzählung, die mich sehr schnell vergessen ließ, dass hier im Reich der Fantastik ermittelt wird.

Andrä Martyna hat mit Die Kreatur von Eastchurch eine rätselhafte Geschichte geschrieben, die vom Ende her konventionell bleibt und sprachlich ein wenig aus der Reihe fällt, da sie recht modern daher kommt. Hier liest man eher eine Gruselgeschichte als einen Fall für Sherlock Holmes.

Mit der Geschichte von Antje Ippensen hatte ich große Schwierigkeiten, denn Sherlocks Beitrag  war für mich zu viel Felidae, zu viel Zeitkristallstaub, zu viele Fäden hier und dort und zu wenig Sherlock Holmes. Für diese gewagte Geschichte bin ich ganz klar noch nicht bereit und werde es vermutlich auch nie sein.

Klaus-Peter Walter entführte mich im Anschluss auf seine bekannt charmante Art erneut in die Arme Watsons, der es in Sherlock Holmes und der Arpaganthropos mit sprechenden Delphinen und einem Wer-Hai zu tun bekommt. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Auch in diesem wilden Garn war ich sofort da, sofort mittendrin und vielleicht ein bisschen verliebt in den redlichen Watson, auch wenn es eine ganz und gar untypische Holmes-Story ist.

Hinterrücks erwischt hat mich Linda Budinger mit Der stählerne Strahl. Hier erzählt Holmes selbst von seiner Jagd auf einen hinterhältigen Mörder und erhält Hilfe von unerwarteter Seite. Ich war sehr berührt (nun, es war beinahe Zeit für ein Taschentuch) und auch überrascht, dass mir die Geschichte gerade wegen des sehr emotionalen Inhalts so gut gefallen hat.  Der stählerne Strahl war das absolut passende Ende der Sammlung, und ich hätte diese letzten Seiten nicht missen mögen.

Besonders hervorheben möchte ich noch den kurzen Essay von Christian Endres über Sherlock Holmes, der von Kenntnisreichtum und Zuneigung zum Holmes´schen Universum zeugt. Informationen über den Schöpfer des Detektivs und eine leider, leider viel zu kurze Sammlung von Fakten rund um Holmes runden den Band aufs Vergnüglichste ab. Ich hätte Christian Endres noch sehr viel länger zuhören mögen in seiner amüsanten und klugen Art.

Klaus-Peter Walter schließlich beendet den Band mit einer ebenso liebevollen Abhandlung über den fantastischen Sherlock Holmes. Auch auf diesen Beitrag hätte ich nicht verzichten wollen, denn er ist nicht nur informativ und interessant, sondern stellt unter Beweis, dass mit diesem Band bei aller Unterhaltung Ernst gemacht wird – auf die schönste Art und Weise, nämlich indem man dem Leser nicht nur Geschichten serviert, sondern ihm auch noch die passenden Hintergrundinformationen mit auf den Weg gibt.

Jede Geschichte wird begleitet von einer stimmigen und stimmungsvollen Grafik des Künstlers Crossvalley Smith, ein Sahnehäubchen und ein weiterer Beweis dafür, dass es neben den Massenproduktionen auch noch liebevoll gestaltete Bücher gibt. Dieses hier ist eines davon.

Alisha Bionda: Sherlock Holmes. Das ungelöste Rätsel

2011, Voodoo Press

ISBN: 978-3-902802-05-7

13,95 €

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