Ein Roman, der unzählige Interpretationsmöglichkeiten bietet.

Der Leser liest, der Leser denkt, der Leser zuckt mit den Schultern.

 

Am Anfang steht ein abgelegenes, von Wäldern umschlossenes Dorf, welches eine kleine aber zufriedene Gemeinde beherbergt.

Eines Tages findet Bernhardt ein Seil, das in den Wald oder vielleicht auch aus ihm heraus führt; je nach Sichtweise.

Es ist ein gutes Seil, ein starkes Seil und Bernhardt möchte dessen Ende finden und es in seinen Besitz bringen. Doch auf den ersten Blick ist kein Ende auszumachen und auch als der Bauer ein gute Stück an dem Seil entlang in den Wald hinein geht, muss er feststellen, dass es von schier unmöglicher Länge ist.

Nach einigem Hin und Her beschließen die Männer des Dorfes, ein gutes Dutzend an der Zahl, den halben Tag, höchstens bis zum späten Mittag, zu nutzen und den Ursprung des Seils ausfindig zu machen. Auch Rauk, ein Lehrer aus der Stadt, welcher sich zu diesem Zeitpunkt zufällig im Dorf befindet, schließt sich dieser kleinen Gruppe aus frisch gebackenen Abenteurern an.

 

Nun beginnt die eigentliche Geschichte. Eine düstere Geschichte, die ungläubiges Kopfschütteln und gerunzelte Stirnen hervor rufen wird.

Frohgemut und von Abenteuerlust getrieben machen sich die Männer auf.

Schnell stellt sich der Lehrer Rauk an die Spitze des Trupps und führt die Bauern, frohe Lieder auf seiner Flöte trällernd, immer tiefer in den Wald hinein. Bald ist der Morgen dahin geschieden und wandelt sich in einen frühen Mittag um in Windeseile auf das Ende des Tages zuzueilen.

 

Die zurückgelassenen Frauen versammeln sich stündlich, dann minütlich, dann ohne Pause am Waldrand, um Ausschau nach ihren Männern zu halten. Die Ernte muss endlich eingeholt werden, wie sollen sie dies alleine schaffen? Und zieht dort am Horizont nicht ein Unwetter heran?

Wo bleiben die Kerls nur?

 

Bald sind die ersten Kilometer geschafft, doch ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Bernhadt ist der Erste, der unruhig wird und ins Dorf zurück kehren möchte.

Der Rest der Männer scheint für einen Herzschlag derselben Meinung zu sein, die Vernunft klopft mit zarten Faustschlägen an ihre Schädelwände und erbittet Einlass.

Doch schon ist Rauk zur Stelle. Mit geübter Zunge und wortgewandten Reden überzeugt er die Männer, bis auf Bernhardt und einen zweiten Bauern, weiter zu gehen.

 

Leute, denkt doch nur, was die Frauen von uns halten, wenn wir ohne des Rätsels Lösung zu ihnen zurück kehren. Wollt ihr denn nicht wissen, was sich am Ende des Seils befindet?

Seid ihr wirklich so schnell zufrieden zu stellen?

 

Es kommt, wie es kommen muss.

Der Startschuss für eine grausame Wende ist gefallen.

Die Männer werden ein ums andere Mal in Versuchung geführt. Sie zeigen völlig verdrehte Moralvorstellungen und offenbaren die dunkelsten Abgründe ihres Selbst.

 

Ohne zu viel zu verraten, möchte ich behaupten, dass es sich wirklich lohnt, über diese Stelle des Buches hinaus weiter zu lesen und sich anschließend folgende Frage zu stellen:

 

Was will uns diese Geschichte sagen?

 

Seid zufrieden, mit dem, was ihr habt und verlangt nicht kopflos nach mehr?

 

Folgt nicht jedem x-beliebigen „Führer“!!!!!!, der gut mit Worten umgehen kann und euch solange belabert, bis ihr jeden,pardon, Scheiß mit macht?

 

Bemächtigt euch eures eigenen Gedankengutes und seid keine unmündigen Schafe?

 

Sicherlich wird jeder, der diesen, leider nur 176 Seiten dicken Roman liest, zu einer ganz eigenen Antwort kommen.

 

Trotz Kürze schuf Stefan aus dem Siepen ein gewaltiges, düsteres und erschreckendes Werk.

Hut ab.

Stefan aus dem Siepen: Das Seil

2012, dtv Premium

ISBN: 978-3-423-24920-1

14,90 €

Jetzt bestellen!