Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Die Bücher und Hörbücher von Terry Pratchett erfreuen sich seit vielen Jahren einer wachsenden Fangemeinde, zu der ich mich zumindest teilweise zähle. Teilweise deshalb, weil ich alle Geschichten der Stadtwache liebe, und auch Feucht von Lipwig in seinem goldenen Anzug gehört meine Zuneigung, während ich für Oma Wetterwachs nicht viel übrig habe.

Es ist jedes Mal eine schwere Entscheidung: Hören oder Lesen? Diesmal entschied ich mich für die Hörbuchvariante, auch deshalb, weil ich neugierig auf den Sprecher Jens Wawrczeck war, den ich vorher nur vage als eines der Drei ??? kannte.

Doch zunächst zur Handlung von Steife Prise. Hauptakteur ist diesmal Kommandeur Mumm von der Stadtwache, der von seiner FrauLady Sybild und Lord Vetinari zu Zwangsurlaub auf dem Lande verdonnert wird. Doch wo Mumm ist, bleibt das Verbrechen nicht fern, und bald ist er auf der Spur skrupelloser Sklavenhändler und eines blutrünstigen Mörders.

Liest man diese Zusammenfassung in zwei Sätzen, bleibt über den Rest des Inhalts bedauerlicherweise nicht viel mehr zu sagen. Es gibt, anders als in den vielen früheren  wunderbaren Scheibenwelt-Romanen, keine Nebenhandlungen, die amüsant oder vielschichtig das Grundgerüst bereichern. Lieb gewonnene Figuren wie Angua, Karotte, Grinsi Kleinpo und andere erscheinen auf der Bildfläche, sprechen ein paar Zeilen und verschwinden wieder, statt einen Auftritt zu haben. Sie sind zu Stichwortgebern einer im Prinzip viel zu langen und deshalb sehr zähen Moritat geworden. Füllsel wie Klein-Sams kindliche Faszination von „Kacka“ werden zu Tode geritten. Einmal wäre gut gewesen, zweimal okay, aber dreißigmal? Kacka-Bücher, Kacka in allen möglichen Aggregatzuständen, Kacka von Mensch und Tier – das nervt. Hier und da blitzt der gewohnte Pratchett-Humor auf, immerhin, leider nur viel zu selten.

Die Charaktere bleiben flach und wiederholen bedeutungslose Erkenntnisse, und die sonst mit einem verschmitzten Lächeln daherkommende Moral der Geschichte wird dem Leser mit dem Holzhammer wieder und wieder eingebläut: Sklaverei ist böse! Du sollst niemanden wegen der Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse verachten, missbrauchen und diskriminieren!  Nach Zwergen, Golems und Trollen spielen hier die übel stinkenden, geknechteten Goblins die Hauptrolle. Sie gelten dort, wo Mumm Urlaub macht, als „Ungeziefer“ und werden von Machthabern versklavt und ausgerottet.

Hinter all dem steckt eine ehrenhafte und gut gemeinte Absicht, nämlich den Lesern klar zu machen, das „anders“ nicht „minderwertig“ bedeutet. Was jedoch bei  Ab die Post sehr leichtfüßig, vielschichtig und trotzdem klar genug transportiert wird, muss hier endlos wiederholt und übertrieben deutlich ausgesprochen werden. Pratchett lässt Goblin-Mütter, die kurz vor dem Verhungern stehen, ihre Kinder verspeisen, damit diese nicht einen qualvollen Hungertod sterben müssen. Muss das sein? Der Leser versteht lange vorher schon, dass kulturelle Unterschiede existieren und Befremden auslösen können.

Ein letztes Wort noch zum Sprecher Jens Wawrczeck. Er hat mir sehr gut gefallen, da er relativ diskret liest, ohne die Stimme sehr zu verstellen. Er arbeitet, außer bei den fremdartigen Goblins, eher mit Nuancen als mit Stimmlagen, was unter anderem zu einer sehr glaubwürdigen Lady Sybil Käsedick führt. Die Tatsache, dass ich Steife Prise tatsächlich bis zum bitteren Ende gehört habe, geht eher auf sein Konto als auf das Konto der langweiligen Geschichte.

Terry Pratchett: Steife Prise

2012, der Hörverlag

ISBN: 978-3-86717-884-6

19,99 € (empf. VK-Preis)

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PS

Nur um es klarzustellen: Es hat keinen Spaß gemacht, dieses Buch schlecht zu beurteilen. Ich war entschlossen, es gut zu finden!