Die Heizung läuft, die Nase auch, die Zeit verrinnt, das Portemonnaie ist schlank, im Gegensatz zur Hüfte – da kann man schon mal nachdenklich, im Weihnachtston: besinnlich werden.

Wohlan: Wie war Dein Bücherjahr, Madame?

„Ich gebe zu, dass es bescheiden war. Der Umstand ist allerdings nicht dem belletristischen Angebot geschuldet, wohl aber Widrigkeiten, wie ein unerwarteter Umzug, mit Renovierung und einem nervenzerfetzenden Stromanbieterwechsel. Es fehlte  mir die rechte Muße!

Der Hochgenuss des Jahres war für „Schattenstill“ von Tana French. Als Snob bin ich Gegnerin der Floskel: aber das Buch ist verstörend! Noch 2 Tage nach der atemlähmenden Lektüre war ich nicht in Mülheim-Speldorf oder Rewe sondern in Irland….. allerdings nicht auf Urlaub.“

Gab es eine literarische Überraschung?

„Ja. Und das in einem Genre, in dem ich nicht beheimatet bin. „Johannes Cabal Seelenfänger“ von Jonathan L. Howard. Ich habe die Rezension einer jungen Kollegin gelesen und wußte sofort: Das musst Du lesen. Johannes Cabal hat seine Seele dem Teufel verkauft und will sie wiederhaben. Der Teufel ist bekanntlich nicht sehr entgegen kommend und verlangt für Cabals Seele 100 Ersatzseelen. Ihr Lieferant muss Cabal sein und er hat 1 Jahr Zeit.

Und dieses Jahr ist turbulent. Witzig von der ersten Seite, eine durch und durch gelungene Parodie und geschrieben von einem der das Genre beherrscht! Große Klasse! Außerdem geriet mir das Buch genau nach „Schattenstill“ in die Finger und ersetzte dieses Loch, in das man fällt, wenn man die letzte Seite eines Knüllers gelesen hat. Hier bewahrheitet sich die These einer anderen Kollegin:

„Ein Buch kommt immer zu seiner Zeit.“

Genug des Lobes. Worüber hast Du Dich so richtig geärgert

„Über Elizabeth George. „Glaube der Lüge“ ist kein Kriminalroman sondern eine Klatsch & Tratschgeschichte in der Tradition jener Zeitungen, die selbst in Wartezimmern nicht mehr gelesen werden. „Echo der Frau“ oder „Das goldene Blatt“. Ich gehe hier nicht ins Detail. Hervor gehoben sei jedoch die Namensgebung zweier Figuren. Er heißt Bernhard und imVerlauf des Geschehens gesellt sich allen ernstes eine Bianca dazu.

Ab einem bestimmten Punkt der Lektüre habe ich mich gefragt, ob Frau George ihre Leser verarschen will oder ob sie Mitglied der trinkenden Gemeinde geworden ist. Natürlich kann auch beides der Fall sein.“

Gab es ein „peinliches Buch“, das Du mit Genuss konsumiert hast?

„Klar. Gerade in Zeiten in denen eigentlich keine Zeit für das Lesen bleibt, aber man es doch irgendwie nicht lassen kann, ist die Anziehungskraft des „Verbotenen“ groß. Da kam mir Joy Fielding in die Quere. „Das Haus des Bösen“ hat mir anderthalb Tage Auszeit beschert. Es war spannend, teilweise gruselig und ich war am Ende froh, dass es gut ausging und alle Fieslinge, auch der miese Noch – Ehemann ihr Fett bekommen haben. Exzellentes Handwerk

Und wer bietet mehr als Handwerk?

„An erster Stelle Fred Vargas, deren letztes Buch „Die Nacht des Zorns“ noch auf mich wartet. Ich hatte ursprünglich vor, im Sommer gemächlich die Normandie auf dem Wege in die herrliche Bretagne zu durchqueren und dortselbst in die Welt von Frau Vargas einzutauchen. Naja und dann bin ich umgezogen……ich lese es Weihnachten.

An zweiter Stelle Ruth Rendell. „Der vergessene Tote“ ist der 17. Fall von Reginald Wexford. Die Autorin ist 1938 geboren und ist ein ermutigendes Beispiel für einen klaren Kopf in den späten Jahren. (Im Gegensatz zu der jüngeren Bernhard & Bianca Adeptin.)“

Und sonst?

„Da waren noch die „Familienbande“ von Michael Degen. Beschrieben wird das Leben des letzten Sohnes von Katja und Thomas Mann, der noch mehr als seine Geschwister unter seiner Familie gelitten hat. Nichts neues – aber immer wieder interessant. Obwohl ich der Meinung bin, dass es nicht richtig ist die Arbeit eines Schriftstellers in Frage zu stellen, nur weil er als Vater nicht unbedingt eine gute Figur gemacht hat. Die letzten Seiten habe ich nur noch überflogen und irgendwann ist es mir auch auf die Nerven gegangen, dass Michael Degen die Ausdrucksweise des üblen Vaters nachahmt.“

Gab es Ausflüge in die „Literatur“?

„ Peripher. In der neuen Wohnung ist eine Gästetoilette. Ein bisschen Nietzsche, ein paar Verse aus dem Nibelungenlied und 3 Sätze aus der Edda. Ansonsten Micky Maus.“

Lyrik?

„Paul Celan – Schwarze Milch in der Frühe. Aber im Wohnzimmer.“

Und demnächst?

„Auf jeden Fall: „Wenn das Schlachten vorbei ist“, T.C. Boyle und alles von Sibylle Berg. Vor mir liegt ihr neuer Roman „Vielen Dank für das Leben“, dessen Anfang umwerfend ist. Ich mag Menschen, die wütend sind. Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“ ist ebenfalls ein Bestandteil jenes Stapels, der nie abnimmt – so eine Art „Bücherhüfte“ (s.o.). Und weil Dank Johannes Cabal und der jungen Kollegin die Fantasy in mein Blickfeld geraten ist, ist der polnische Autor Andrzej Sapkowski ein Ziegelstein innerhalb dieses Haufens. Noch ein bisschen Werbung für Sapkowski:

Seine Trilogie um den schlesischen Medicus Reinmar von Bielau, beginnend in Prag 1422, verbindet den Geschichtsroman mit Elementen des Magischen und heraus kommt ein großer Spaß.

Komplett erhältlich bei dtv: Narrenturm, Gottesstreiter, Lux perpetua.

Das war´s.“